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Irland   war und ist die Insel der Regenbogen, die grüne Insel, das Land der Rothaarigen.
Doch jetzt hat Europas Vorposten im Westen einen neuen Untertitel: »The Celtic Tiger«, der keltische Tiger.
"Celtic", keltisch, erfreute sich schon immer großer Beliebtheit, wenn es darum ging, etwas zu mystifizieren. Von Musik über Schmuck hin zum Bustrip: Die Kelten durften nicht fehlen. Und nun also sind sie auf dem Sprung, und die Veränderungen sind nicht zu übersehen. Neue Straßen hier und dort, Einkaufszentren, moderne Bungalows, die das Auge des Reisenden stören, den Iren aber zentralgeheiztes Wohnen während der nahezu touristenfreien Wintermonate gestatten.

Warum, habe ich Reisende immer wieder fragen hören, warum renovieren die Iren nicht einfach die alten Katen? Heute kommen meist nur noch Ferienhäuser und Souvenirshops reetgedeckt daher. Jahrhundertelang aber waren die Cottages das Zuhause der einfachen Landbewohner.

Ausgepreßt von der Fron des englischen Großgrundbesitzers kämpften sie mit der Übermacht der Steine und den Unbilden des Wetters. Die modernen Bungalows brechen mit einem Kapitel der Geschichte, das nicht zu den liebsten gehört. Als Katalysator warf die Regierung Baupläne auf den Markt, aus denen sich jeder sein Häuschen aussuchen konnte, Modell A, B oder C. Durch von griechischen Säulen flankierte Vordächer oder mittels einer opulenten Betongußeinfriedigung versah man das ganze mit einem Hauch Individualität.

Ist Irland also dabei, mitteleuropäisch zu werden, seinen Charakter, seine Kauzigkeit zu verlieren? Horst Stern hat einmal gesagt, daß wir irgendwann überall hinfahren können, es sich aber nicht mehr lohnen wird, dort anzukommen. Ich habe Sorge, aber auch viel Hoffnung, daß dies nicht eintrifft. Horst Stern übrigens lebt in Irland.

Wie steht es mit dem »slow going«, der beschaulichen irischen Lebensart, in den Zeiten der Veränderung? Rangiert auch in Irland mittlerweile Konkurrenzdruck und Konsumgerangel vor einem recht intakten Sozialgefüge? Mancherorts sieht es auf den ersten Blick so aus. Aber auf dem Land - und was außer Dublin, Belfast und Cork ist in Irland nicht Land -, allemal in den weniger touristischen Regionen, ist der Tiger zwar angekommen, eher aber als Turbulenz denn als tiefgreifende Veränderung. Von heute auf morgen verschiebt sich dort zwar nicht das ganze Weltbild, aber das gewachsene Gefüge. Uberlieferte Ansichten und Traditionen und die sogenannte Moderne geraten dabei gerne einmal aneinander.

Schauplatz County Clare. An der Küste, durch das Karstland des Burren ziehen Reisende mittlerweile in großer Zahl, das Hinterland wird wenig besucht.

Vor allem die Boomtown Dublin, der Südwesten und Westen ziehen die meisten Reisenden nach Irland. Der Kontrast könnte kaum größer sein - die prosperierende Millionenstadt auf der einen Seite, ein Landstrich wie eine Etüde an die Kargheit auf der anderen. Falls es eine Essenz gibt, ein irisches Konzentrat aus Leere, Unwirtlichkeit und seltsamer Magie, heißt dieser Platz für mich Mayo. Mayo - Moorland.

Fünf kleine Kerle spielen Fußball. Der Platz ist die Inkarnation des Faltenwurfs, das Tor ein windschiefer Kasten und der Boden bewegt sich, eine organische, wabernde Masse. Bei den Spielen am Wochenende, wenn Gaelic Football, dieses Konglomerat aus Fußball und Rugby seine Stunde hat, kribbeln die Füße der Zuschauer beim Heranstürmen der balltrunkenen Akteure. Mayo - Moorland. An der Küste, am Benwee Head, Achill Head, an den Stags of Broadhaven, ergibt sich das Moor schroff und haltlos der See. Manche Klippen zählen zu den höchsten Irlands, den höchsten Europas. Der Wind bläst, heult, zischt durch die Schründe der senkrechten Welt, fährt in das Gefieder der brütenden Seevögel und gibt den Eissturmvögeln Boden für ihr irres Ballett über dem Abgrund. Hier endet Europa. Hinter der Krümmung der Globuskugel, weit weg im Westen, schwimmt Amerika. Viele Iren haben den Weg angetreten. Den Weg zwischen Hunger und Heimweh. Ellis Island nahm sie auf, und sie verteilten sich über das neue Land.

»Mayo - God help us«, hat Heinrich Böll geschrieben, immer wieder, auf seinem ersten Weg hinaus nach Achill Island, seiner zukünftigen Seelenheimat. Achill, diese größte Insel vor Irland, ist mit einer Brücke ans Festland geklebt. Drüben Hügel, Klippen, Sandstrände, Dörfer und Caravans. In Doogort steht es noch, das kleine Cottage des deutschen Schriftstellers.

Was noch ? Keen, Keel, Dooega, Doogort - kleine Orte, im Sommer Touristen, im Winter Wasser und warten.
»Mayo - God help us.«
Achill Island hat den Titel »Ende der Welt« verloren, verloren an Caravanparks und die Jünger von Henrik (Heinrich Böll). Das Ende der Welt ist weitergezogen, hinüber nach The Mullet. Eine Halbinsel wie die geknautschte Schnauze eines Hammerhais, über eine häuserbesprenkelte Landenge mit dem Festland verbunden. The Mullet ist amphibisches Land. Flach, so flach, daß die Winterstürme die Gischt darüber hinwegtreiben. Am Südzipfel, am Blacksod Point, steht ein Leuchtturm aus Granit. Große Brocken, rundgewaschene Goliathkiesel aus Urgestein, bilden den Übergang zur See. Die Welt ist salzig, klebrig, überall wehen die feinen Tröpfchen der Gischt. Wenig weiter ein Friedhof, Keltenkreuze am Meer, Sonnenuntergang, ein alter Mann und sein Esel und dann Nacht.

Südlich, an der Clew Bay, einer Bucht, von Inseln wie Zinngießereien überzogen, steht Irlands Zuckerhut. Erodiert, ein Geröllhaufen, ebenmäßig, nackt, der heilige Berg - Croagh Patrick. An seinem Fuß blüht im Frühjahr der Stechginster, später der Rhododendron und eine schneeweiße Statue des heiligen Patrick steht bei den letzten Häusern, am Beginn des Pilgerpfades, der oft ein breiter Weg ist und an der Kapelle auf dem Gipfel endet. Im Jahr 441, weiß die Legende, hat der irische Nationalheilige dort oben 40 Tage verbracht, betend, meditierend. Als er schließlich wieder hinabstieg, trug er das Kleeblatt als Zeichen der Dreifaltigkeit mit sich und hatte die Schlangen von der Insel verbannt. Bis heute führt die große irische Wallfahrt am letzten Sonntag im Juli den Berg hinauf, Zehntausende schinden sich an der Geröllhalde ab und umrunden, nicht selten in Wolken und Regen, am Ende des Leidens die Gipfelkapelle. Dann dampfen die Teebecher, und Messen werden gelesen.

Irland - Musikerland, Irland - Schriftstellerland.
Die Insel hat eine weltweite treue Zuhörer- und Leserschaft, goldene Schallplatten und Literaturnobelpreise zieren die Annalen, und ein Ende ist nicht in Sicht. Es darf Irlands Geheimnis bleiben, warum diese kleine Insel so viele große Künstler hervorgebracht hat. Alleine an der Muße in den langen Winternächten kann es jedenfalls nicht liegen.

Einer der vielen großen Iren, die im Exil starben, Oscar Wilde, hat in einer eigenartigen Form von Understatement einmal gesagt: »Es ist das Drama meines Lebens, daß ich diesem Leben mein Genie gewidmet habe, meinem Werk aber nur mein Talent.« Ob Talent oder Genie, ob traditionell oder avantgardistisch, Irland liefert beständig seinen Beitrag zur Weltmusik und Literatur.
Der Pub dient dabei nicht selten als Schreibstube und als bunt gemischte Zone der Kommunikation in Worten und Tönen. Aber die Macdonaldisierung der Welt macht auch vor den Trinkstätten der Iren nicht halt.

Aber es gibt sie noch, die alten Originale, von der Patina der Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte belegt, mit wenig mehr sichtbarem Tribut an die Moderne als dem schimmernden Display der Registrierkasse.

Abends knäult sich hier eine alterslose Gesellschaft um den ewigen Pint Stout, wenn auch das Schwarzbier zunehmend von seinen »blonden« Mitbewerbern eingeholt wird. Noch immer gibt es diese magischen Abende, wenn jemand seine Geige auspackt, ein anderer sich erinnert, daß er seine Handtrommel, die Bodhran, dabei hat und irgendwoher auch noch eine Gitarre auftaucht und zwei Löffel. Da ist wenig abgesprochen und nichts geplant, aber an einem Abend durfte ich erleben, daß sich 20 Musiker(innen) zu einer zwanglosen Session zusammenfanden. Wenn dann noch eine Irin ihre glasklare Stimme erhebt und zu einem A-capella-Stück ansetzt, kehrt eine Stille ein, die zur Ruhe wird, eine Ruhe, die weiterträgt ins Jenseits, ein Krümel Ewigkeit im Nieselregen der Nacht.

Nachmittags sind die alten Pubs nicht selten Oasen, die einen den Trubel des Alltags vergessen lassen. Es war in Sligo, Hargadon's Pub. An der Stirnseite des langen Tisches, in den Händen ein Buch, vor sich ein halbvolles Guinness, saß ein Mann. Wallace war aus Belfast hierhergekommen, als Zuflucht, denn im Norden war die Hochsaison der Märsche, der 12. Juli, Orange Day. Gestern hatte er versucht zurückzufahren, aber die Situation war eskaliert, die Straßen gesperrt, er war umgekehrt. Die Flammen eines jahrhundertealten Konfliktes loderten wieder einmal auf. Der alte Satz »Du kannst Irland nicht verstehen, wenn Du nichts über seine Geschichte weißt« erfuhr einmal mehr schmerzliche Aktualität.

Im fünften Jahrhundert hatte Patrick die Insel christianisiert. Aus dem heidnischen Land wurde eine europäische Hochburg des Katholizismus. Irland erlebte seine Blüte und wurde geistiges Zentrum der alten Welt. Doch keine Blüte dauert für immer.
Als 1170 die Normannen einfielen, war die Schlacht schnell geschlagen. In der Folge kam es zu einer erstaunlich friedlichen Koexistenz, Eindringlinge und Eroberte durchmischten sich.
1649 wurde das einzige europäische Land, das nie einen Angriffskrieg führte, abermals von der größeren Insel im Osten überrannt. An der Spitze der Truppen stand Cromwell, der mit Waffengewalt erneut den Glauben ändern wollte: Irland sollte protestantisch werden. Der Feldzug bleibt unvergessen. »To hell or Connaught« lautete Cromwells Alternative, die kaum eine war. Zahllose Iren wurden umgebracht oder in die Connaught, den kargen Westen, vertrieben. Nach dem Feldzug nahm der englische Adel die neuen Ländereien in Besitz. Die Kleinbauern an der Westküste ringen den kargen Krumen oft kaum den eigenen Lebensunterhalt ab, geschweige denn die Steuern, die unbarmherzig eingetrieben wurden. Viele wanderten aus oder wurden zu Grundbesitzlosen, zu Fahrenden im eigenen Land. Noch heute sieht man sie und ihre Wohnwagen am Straßenrand. Wenig beliebt bei den Seßhaften bildeten sie eine Gesellschaft vor den Türen der Gesellschaft.

1921 wurde Irland schließlich geteilt, und der Süden damit zur unabhängigen, mehrheitlich katholischen Republik. Nordirland, mehrheitlich von Protestanten besiedelt, wurde Teil des United Kingdom. Dieser Status quo dauert bis heute an und mit ihm die Troubles, die gewalttätigen Unruhen, die in Wellen kommen und gehen, bei denen aber noch kein Tourist zu Schaden kam. (Diese Aussage trifft nach den Anschlägen in Omagh im Jahre 1999 leider nicht mehr zu (Anmerkung des Webmasters))

Noch immer weht in Nordirland vor nicht wenigen Häusern die britische Fahne, und in protestantischen Wohngebieten sind manche Bordsteinkanten rot-weiß-blau gestrichen. Gerade dieses demonstrative Zurschaustellen britischer Flaggen und Farben, die jährlichen Märsche des Orange Order, die mit verbissenem Gesichtsausdruck die Schlacht am Boyne (1690!) zelebrieren, als sei sie gestern gewesen, und das denunzieren der Republik-Iren als ein Volk einfacher Landbewohner muten wie Rituale einer Kolonialmacht an, die nicht weichen will. Von Integration, von Miteinander, kann bei vielen Hitzköpfen jedenfalls keine Rede sein.

Dennoch, die überwältigende Mehrheit der Iren beiderseits der Grenzlinie will nichts als Frieden, und zudem wird man den Eindruck nicht los, daß Großbritannien auf diesen Teil des United Kingdoms, der immer nur Ärger und Kosten verursacht hat, durchaus verzichten könnte. Die politische Lösung wird fraglos eine zähe Geduldsprobe, aber der Friedensprozeß ist im Gange.

Und nach alledem nun also der keltische Tiger. Ich bin neugierig und ein bißchen unruhig. Letztendlich aber bleibt die Zuversicht, daß die kleine Insel auch weiterhin das für mich bleiben wird, was sie seit fast 20 Jahren ist: meine Sehnsucht Irland.

Quelle:
Hartmut Krinitz, "Sehnsucht Irland",
erschienen im Bruckmann-Verlag GmbH, München,
ISBN 3-7654-3507-4



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